Es gibt Veranstaltungen, die wirken wie aus der Zeit gefallen. Und dann gibt es den Wiener Opernball. Ein Abend, an dem sich Glanz, Glamour und Selbstinszenierung gegenseitig auf die Schulter klopfen, während draußen eine Realität herrscht, die mit Walzerklängen nichts mehr zu tun hat. Hohe Inflation, steigende Arbeitslosigkeit, Menschen, die sich Grundnahrungsmittel kaum noch leisten können – und mitten hinein in dieses gesellschaftliche Spannungsfeld wird der „Ball der Bälle“ in der Wiener Staatsoper zelebriert. Symbolik könnte man nicht besser erfinden.
Zwei Welten, ein Abend – und ein ziemlich schaler Beigeschmack
Während viele jeden Cent zweimal umdrehen müssen, flanieren Politiker:innen, Promis, Pseudo-Promis (aka Influencer) und Möchtegern-Eliten über den roten Teppich. Champagner hier, Häppchen dort, Blitzlichtgewitter inklusive. Das Problem ist nicht, dass Menschen feiern. Das Problem ist, wer feiert – und auf wessen Kosten.
Denn ja, auch 2026 wird die österreichische Politspitze wieder anwesend sein. Und ja, sie wird wieder verköstigt. Bezahlt – zumindest teilweise – von Steuergeldern. Während man sich gleichzeitig selbst auf die Schulter klopft, weil die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel gesenkt wurde und Butter jetzt um ein paar lächerliche Cent billiger ist. Das ist keine Entlastung. Das ist ein Hohn.
Wenn Politik Walzer tanzt und die Realität draußen wartet
Hier wird es schamlos. Politiker:innen verdienen gut. Sehr gut. Gut genug, um sich goldene Butter, Champagner und Logenplätze problemlos selbst zu leisten. Und trotzdem lassen sie sich beim Opernball hofieren – während immer mehr Menschen finanziell ums Überleben kämpfen.
Wenn Politik Nähe zur Bevölkerung ernst meint, dann tanzt man keinen Walzer auf Kosten jener, die nicht wissen, wie sie ihre nächste Stromrechnung bezahlen sollen. Dann zeigt man Haltung. Und verzichtet. Alles andere ist pure Arroganz – und darin sind unsere Politiker:innen Profis.
Dekadenz als Eventformat
Der Opernball ist längst kein kulturelles Ereignis mehr. Er ist ein Schaulaufen der Eitelkeiten. Ein Abend, an dem Ex-Frauen von irgendwem, Influencer:innen ohne Inhalt und selbstverliebte Dauerpräsenz-Gesichter in Roben auftreten, die teuer aussehen sollen, aber oft eher nach Praterstrich als nach Haute Couture wirken.
Das ist keine Kulturpflege. Das ist Dekadenz-Marketing. Und es ist genau genommen eine Frechheit, wie bereitwillig Medien, Wirtschaft und Politik dieses Schauspiel Jahr für Jahr mitspielen.
Boykott als legitime Frage unserer Zeit
Die Frage ist nicht mehr, ob der Opernball Tradition hat. Die Frage ist, ob Tradition automatisch über jeder Kritik steht. Muss man wirklich feiern, wenn so viele Menschen gerade verlieren? Muss man wirklich Champagner trinken, wenn andere beim Einkauf rechnen, ob sich Brot oder Milch ausgeht?
Ein Boykott – zumindest durch Politiker:innen – wäre ein starkes Zeichen. Kein Verbot, kein Moralhammer. Sondern schlicht: Wenn du von Steuergeldern lebst, dann feiere nicht auf Kosten jener, die diese Steuern zahlen. Zahle selbst. Oder bleib fern.
Glanz ohne Würde ist nur noch peinlich
Der Wiener Opernball 2026 ist kein harmloses Gesellschaftsevent mehr. Er ist ein Symbol. Für Abgehobenheit. Für fehlendes Gespür. Für eine politische Klasse, die oft nicht merkt, wie weit sie sich von der Lebensrealität der Menschen entfernt hat.
Solange viele kämpfen und wenige feiern, bleibt dieser Ball genau das: ein Tritt in den Arsch der Österreicher:innen. Und vielleicht ist es an der Zeit, nicht mehr mitzutanzen – sondern klar und offen zu sagen: So nicht mehr.



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