Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu in Endlosschleife: Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! läuft demnächst wieder auf RTL – und trotzdem ist nichts mehr neu. Wo früher Provokation, Reibung und echtes Staunen waren, herrscht heute gepflegter Einheitsbrei. Die Luft ist raus. Nicht schleichend, sondern spürbar. Und ehrlich: Es überrascht niemanden mehr.
Einheitsbrei statt Ekelgrenze
Früher war das Dschungelcamp ein kalkulierter Tabubruch. Heute ist es ein durchformatiertes Ritual. Die Skandälchen im Camp wirken wie aus dem Drehbuch kopiert, die Konflikte vorhersehbar, die Dramaturgie ausgerechnet. Selbst die sogenannten „Eklat-Momente“ fühlen sich an wie Pflichtübungen, die man halt abhaken muss, um die nächste Werbepause zu erreichen.
Prüfungen mit Wiedererkennungswert – leider
Die Dschungelprüfungen sind längst keine Prüfungen mehr, sondern Variationen bekannter Rezepte. Ein bisschen Schleim, ein bisschen Getier, ein bisschen Überwindung – fertig. Das Problem ist nicht, dass es unangenehm wäre. Das Problem ist, dass man es schon zigmal gesehen hat. Die Grenze des Schocks ist längst verschoben worden, und das Format hat darauf keine Antwort mehr gefunden.
Promis ohne Prominenz
Ein weiterer Knackpunkt: die Teilnehmer:innen. Oder besser gesagt: die Abwesenheit von Bekanntheit. Viele Gesichter kennt man nicht. Und wenn doch, dann nur, weil sie kurzzeitig durch irgendeinen Skandal geisterten – zwei, drei Stunden auf einer Startseite, danach wieder Versenkung. Nachhaltige Relevanz? Fehlanzeige.
Z-Prominenz mit Kalkül
Was früher noch eine Mutprobe für echte öffentliche Figuren war, ist heute ein Geschäftsmodell für Z-Promis. Die Rechnung ist simpel: sich möglichst auffällig verhalten, möglichst viel Haut zeigen, möglichst peinlich auftreten – und dafür ein paar Minuten Fame abholen. Danach geht’s weiter zur nächsten Reality-Station. Das Camp ist nur noch Durchlauferhitzer.
Moderation: Das verlorene Gleichgewicht
Man muss fair sein: Sonja Zietlow liefert weiterhin ab. Ihre spitzzüngige Art ist routiniert, scharf und professionell. Doch das frühere Gleichgewicht fehlt. Seit dem Tod von Dirk Bach ist das legendäre Duo Geschichte – und dieser Verlust wiegt bis heute schwer. Daniel Hartwich war ein solider Nachfolger, keine Frage. Er passte in die Rolle, brachte Tempo und Ironie mit. Aber auch mit ihm konnte die Magie der Anfangsjahre nicht konserviert werden. Der jüngste Moderatorenwechsel im männlichen Bereich hat dem Format endgültig keinen Gefallen getan. Es wirkt fahrig, nicht mehr eingespielt – so, als würde man ein bekanntes Lied in falscher Tonart spielen.
Vom Tabubruch zum Mainstream
Känguruhoden essen. In Eingeweiden baden. Das waren Aufreger. Das waren Schlagzeilen. Das waren Gespräche am nächsten Tag. Heute? Schulterzucken. Das Dschungelcamp ist Mainstream geworden – und genau das ist sein größtes Problem. Ein Format, das einst von Grenzüberschreitungen lebte, ist in der Komfortzone gelandet.
Provokation braucht Entwicklung
Provokation funktioniert nur, wenn sie sich weiterentwickelt. Wenn sie neue Perspektiven öffnet oder zumindest überrascht. Das Dschungelcamp hat stattdessen beschlossen, sich selbst zu kopieren. Jahr für Jahr. Staffel für Staffel. Mit immer weniger Wirkung.
Persönliches Fazit: Abschalten aus Überzeugung
Für mich ist die Entscheidung klar. Es ist das dritte Jahr in Folge, in dem ich nicht einschalten werde. Nicht aus Protest, sondern aus Desinteresse. Das Format hat mir nichts Neues mehr zu erzählen. Es ist ein Schauspiel geworden – billig, berechenbar und ohne echten Mut.
Vielleicht war „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ einmal ein Spiegel unserer Voyeurismus-Gesellschaft. Heute ist es nur noch eine Karikatur davon. Und die braucht man sich nicht jedes Jahr aufs Neue anzusehen.



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