Ein burgenländisches Dorf gewinnt einen Entsiegelungswettbewerb. Klingt nach einer Randnotiz. Ist es aber nicht. Denn was in Frankenau-Unterpullendorf geplant wird, ist mehr als ein lokales Gartenprojekt – es ist ein kleines Symbol dafür, wie wir unsere Dörfer in Zukunft denken könnten. Oder eben nicht.
Baba, Beton!
Der Name des Wettbewerbs, den das Land Burgenland erstmals ausgeschrieben hat, ist programmatisch: „Baba, Beton!“ – auf Burgenländisch so viel wie: Tschüss, du grauer Klotz. Zwölf Gemeinden haben teilgenommen, Frankenau hat gewonnen. Und das zu Recht.
Der rund 700 Quadratmeter große, derzeit stark versiegelte Kirchenvorplatz soll weitgehend entsiegelt und zu einem grünen, klimaresilienten Begegnungsraum umgestaltet werden. Geplant sind Baumpflanzungen, Blühwiesen, Stauden- und Gräserflächen, Wasserflächen und Beschattungselemente. Kurz: alles, was ein Dorfplatz eigentlich sein sollte – und in den letzten Jahrzehnten so oft nicht war.
Denn irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich in Österreich die Überzeugung eingebürgert, dass Modernität aus Beton besteht. Plätze wurden asphaltiert, Dorfkerne „aufgewertet“, indem man das Grün herausriss und durch pflegeleichte Steinwüsten ersetzte. Der Kirchplatz in Frankenau ist kein Einzelfall – er ist ein Spiegel ganzer Generationen kommunaler Fehlplanung.

Aktuelle Ansicht des Kirchenplatzes.
Ein Platz für alle – nicht nur für die Sonntagsmesse
Was dieses Projekt über die reine Ökologie hinaus interessant macht, ist seine soziale Ambition. Das Projekt soll ökologische Aufwertung mit sozialer Nutzung verbinden und einen lebendigen Treffpunkt für alle Generationen schaffen. Meiner persönlichen Meinung nach sollte der Kirchenvorplatz kein religiöser Raum mehr sein, sondern ein echter, belebter Dorfplatz – offen für Einheimische, Spaziergänger, Radfahrer, Touristen. Ein Ort, der nicht fragt, wer du bist oder wohin du sonntags gehst.
Das ist keine Kleinigkeit. Gerade im ländlichen Raum sind Begegnungsorte rar. Wer kein Auto hat, wer nicht in den Gasthof geht, wer einfach nur draußen sitzen will – der findet oft wenig. Ein entsiegelter, begrünter, beschatteter Platz mitten im Ort kann mehr soziale Infrastruktur sein als manches Millionenprojekt.
Dass dieser Platz zufällig vor einer Kirche liegt, darf dabei keine Rolle spielen – und sollte es auch nicht. Ein öffentlicher Raum gehört der Allgemeinheit. Punkt.

Die Budgetfrage: Ein strukturelles Problem, das alle trifft
Das Land Burgenland fördert die Umsetzung mit bis zu 100.000 Euro. Der Start der Umsetzungsphase ist für das Frühjahr 2026 geplant – und der Wille, dieses Projekt zu realisieren, scheint in Frankenau ehrlich vorhanden zu sein.
Und dennoch darf man die größere Frage nicht ausblenden: Österreichs Gemeinden stehen aktuell unter enormem Druck. Die geopolitische Lage und die damit verbundenen massiv gestiegenen Kosten im Bauwesen, höhere Energiekosten, höhere Personalaufwendungen – all das belastet kommunale Budgets in einem Ausmaß, das vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar war. Das ist kein Versagen einzelner Gemeinden oder Bürgermeister. Es ist eine gesamtstaatliche Realität, die von Vorarlberg bis ins Burgenland spürbar ist.
Ambitionierte Klimaschutzprojekte wie dieses geraten in solchen Zeiten schnell unter Druck – nicht aus mangelndem Willen, sondern weil die Spielräume schlicht enger werden. Umso wichtiger ist es, dass Förderungen wie jene des Landes Burgenland verlässlich fließen und dass solche Vorhaben politisch abgesichert bleiben, egal wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln.
Warum es trotzdem Hoffnung gibt
Und dennoch: Zynismus wäre hier fehl am Platz. Oder zumindest nicht die einzige angemessene Haltung.
Denn der Wettbewerb „Baba, Beton!“ zeigt, dass das Bewusstsein für Bodenversiegelung langsam, aber spürbar wächst. Das Projekt habe das Potenzial, beispielgebend für ähnlich strukturierte Gemeinden im Burgenland zu wirken, erläuterte der Juryvorsitzende. Und er hat recht: Wenn ein kleines Dorf im Mittelburgenland zeigt, dass es geht – dass man einen hässlichen Betonplatz in etwas Lebendiges verwandeln kann –, dann ist das ein Argument, das andere Gemeinden schwer ignorieren können.
Der Klimawandel macht Entsiegelung außerdem von einer Wunschvorstellung zur Notwendigkeit. Hitzesommer, Starkregen, Überschwemmungen – versiegelte Flächen verschlimmern all das. Was heute noch als Kür gilt, wird in zehn Jahren Pflicht sein. Und wer früh anfängt, hat den Vorteil.
Ein Platz, der atmet
Was Frankenau plant, ist im Grunde eine Rückbesinnung. Kein Fortschritt im technischen Sinne, sondern ein Schritt zurück zu dem, was Dorfplätze einmal waren: Orte des Lebens, nicht der geparkten Autos. Orte, wo Kinder spielen, alte Menschen in der Sonne sitzen und Radfahrer eine Pause machen können – ganz ohne Konsumzwang, ohne Eintrittsgeld, ohne religiösen Vorbehalt.
Ob das Projekt kommt, wissen wir spätestens im Sommer. Die Förderzusage steht, der Wille des Bürgermeisters scheint vorhanden zu sein. Jetzt liegt es an der Umsetzung.
Man darf hoffen. Man darf auch nachfragen, wenn es wieder still wird um den Kirchplatz in Frankenau.
Bildredaktion: Das verwendete Bildmaterial wurde redaktionell aufbereitet, da zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch kein offizielles Rendering der Gemeinde vorlag. Bei der Gemeinde Frankenau-Unterpullendorf wurde nach Veröffentlichung dieses Beitrags um offizielle Entwurfsvisualisierungen des geplanten Vorplatzes angefragt.



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