Die Lage ist ernst. Während internationale Beobachter die geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten mit wachsender Sorge verfolgen, zeichnet sich eine humanitäre Krise ab, die in ihrer Dimension bislang unterschätzt wurde: Zehntausende Influencer sitzen in Dubai fest – oder besser gesagt: Sie saßen dort fest. Denn die Ausreise hat begonnen.
Laut übereinstimmenden Berichten aus Kreisen der Content-Creator-Community haben in den vergangenen Wochen signifikante Teile der in Dubai ansässigen Influencer-Population ihre Koffer gepackt. Unzählige Reels, die noch in jüngster Vergangenheit Infinity-Pools, goldene Desserts, steuerfreie Gehälter und den „Beschützer der Influencer“ priesen, werden nun durch verwackelte Aufnahmen von Rollkoffern auf Asphalt ersetzt. Das Ziel: Europa. Und innerhalb Europas, aus Gründen, die noch zu klären sein werden: Wien-Favoriten.
„Wir wollten einfach irgendwo hingehen, wo es sicher ist“
„Ich habe erstmal gegoogelt: günstige Wohnungen, Wien“, erklärt eine Influencerin mit 2,3 Millionen Followern, die ihren Namen nicht nennen möchte, weil sie gerade dabei ist, ihre Zielgruppe auf „authentisch-europäisch“ umzupositionieren. „Dann kam Favoriten. Ich dachte, das klingt nach Favorit. Nach meinem Lieblingsbezirk. Ich hab sofort gekauft.“
Sie ist nicht allein. Immobilienmakler im zehnten Bezirk berichten von einer bislang nie dagewesenen Nachfragewelle. Eigentumswohnungen, die noch im Frühjahr als „charmant sanierungsbedürftig“ inseriert wurden, wechseln inzwischen für Preise den Besitzer, die Döbling-Veteranen ins Schwitzen bringen würden.
Wien freut sich – das Rathaus noch mehr
Im Wiener Rathaus herrscht, nach informierten Kreisen zufolge, eine Stimmung, die man nur als verhalten euphorisch bezeichnen kann. Die Gentrifizierung des zehnten Bezirks, die unter normalen Umständen wohl noch eine Generation gedauert hätte, vollzieht sich derzeit mit einer Geschwindigkeit, die selbst ambitionierte Stadtentwicklungspläne in den Schatten stellt.
„Favoriten wird sich verändern“, sagte ein namentlich nicht genannter Stadtrat in einem Hintergrundgespräch. „Das war immer unser Ziel.“ Auf die Frage, ob dieser Wandel tatsächlich so geplant war, folgte ein längeres Schweigen, dann: „Definieren Sie geplant.“
Die sogenannten Problemviertel im Zehnten gentrifizieren sich derzeit schneller, als die Politik Waffen-Verbotszonen einrichten kann. Das ist keine Metapher – es ist eine statistische Feststellung.
FPÖ: „Das ist keine Lösung“
Weniger begeistert zeigt sich die FPÖ. Die Partei warnt vor den Folgen der „unkontrollierten Influencer-Migration“ nach Wien-Favoriten. Man könne nicht einfach hunderttausende Follower mitbringen, ohne die kulturelle Identität des Bezirks zu gefährden, hieß es sinngemäß. Besonders beunruhigend sei die Tatsache, dass viele der Zugezogenen kein Deutsch sprächen – sondern ausschließlich in Hashtags kommunizierten. Ein Antrag auf Einführung einer „Influencer-Obergrenze“ soll in Vorbereitung sein. Aus dem Büro von Bürgermeister Ludwig war dazu bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten.
Die anderen Parteien reagieren
Die Grünen empfangen die Neuankömmlinge mit selbstbemalten iPhone-Hüllen aus recyceltem Karton und verweisen auf das „transformative Potenzial authentischer Content-Kultur für den urbanen Diskurs“.
Die ÖVP hingegen ist sich noch nicht ganz sicher, wie sie die Situation einschätzen soll. Intern, so ist aus Parteikreisen zu hören, laufen bereits Schattengespräche. Konkret geht es um eine mögliche Machtergreifung in Wien – als Die Influencer Partei. Ob das ein Arbeitstitel ist oder bereits ein Wahlprogramm existiert, war bis Redaktionsschluss nicht zu klären.
Döbling atmet auf. Kurz.
In Döbling, intern längst als Beverly Döbling bekannt, reagiert man mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist man froh, nicht selbst Ziel der Influencer-Welle geworden zu sein. Andererseits spürt man eine leise Kränkung: Man wurde nicht gewählt.
„Wir haben die bessere Infrastruktur“, sagt ein Anwohner aus Beverly Döbling, der anonym bleiben möchte. „Wir haben die Heurigen. Wir haben die Ruhezone. Aber gut.“ Er nippt an seinem Grünen Veltliner. „Wenn sie Favoriten wollen, sollen sie Favoriten haben.“
Prognosen zufolge wird Favoriten Döbling als meistzitierten Rich-Bitch-Bezirk Wiens in vier bis fünf Wochen abgelöst haben. Manche Schätzungen sprechen von drei.
Was kommt als Nächstes?
Erste Berichte deuten darauf hin, dass in der Quellenstraße bereits ein Matcha-Latte-Anbieter eröffnet hat. Weitere sollen folgen. Ein Vintage-Möbelgeschäft hat Interesse an einem Lokal angemeldet, das bis vor ein paar Tagen noch Fleischhauer war. Und im Gemeindebau erzählt man sich, dass neulich jemand ein Ringlicht ins Stiegenhaus gestellt hat.
Die Integration verläuft, wie Integrationen in Wien eben verlaufen: langsam, zäh, und mit gelegentlichem gegenseitigem Unverständnis. Aber sie verläuft.
Der Zehnte ist nicht mehr das, was er war. Was er wird, entscheiden gerade Menschen, die noch vor sechs Wochen Werbung für Sonnenschutzmittel in der Wüste gemacht haben.
Wien nimmt alle auf. Auch jene, die es nicht erwartet haben.



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