Schulreform in Österreich: Wenn man glaubt, mit KI-Lippenstift ein kaputtes System retten zu können
Österreich diskutiert Schulreform: weniger Latein, mehr KI, ein neues Fach Informatik. Doch statt echter Reform gibt es nur politische Kosmetik. Das Schulsystem bleibt realitätsfern, überholt und demotivierend. Kinder verlassen die Schule schlecht vorbereitet aufs Leben, während Mut zur echten Neugestaltung weiterhin fehlt und langfristige Lösungen erneut vertagt werden im Land.

von | Feb. 4, 2026 | Echo

Österreich reformiert wieder einmal die Schule. Zumindest behauptet man das. Bildungsminister Christoph Wiederkehr kündigt an, Latein zurückzudrängen, KI stärker einzubauen und Informatik als eigenes Fach zu etablieren. Klingt modern, nach Zukunft und nach Fortschritt.
Ist es aber nicht. Es ist – und das muss man leider so klar sagen – billigste Kosmetikarbeit an einem System, das seit vielen Jahrzehnten strukturell kaputt ist.

Latein weniger, KI mehr – eh nett. Aber das ist in etwa so, als würde man bei einem Totalschaden die Felgen tauschen und dann stolz verkünden, man habe das Auto modernisiert.

Kosmetik statt Operation am offenen System

Das österreichische Schulsystem krankt nicht an einzelnen Fächern. Es krankt am Fundament.
Seit Jahrzehnten wird nicht reformiert, sondern kaschiert. Immer wieder wird ein bisschen Make-up aufgetragen, ein neues Schlagwort eingebaut, ein Pilotprojekt gestartet – und danach wundert man sich, warum die Schüler:innen trotzdem frustriert, demotiviert und innerlich längst ausgestiegen sind.

Die berühmte „Scheiß-drauf-Mentalität“ kommt nicht von ungefähr. Sie ist das logische Resultat eines Systems, das jungen Menschen nichts fürs echte Leben mitgibt. Man kommt aus der Schule und weiß:

  • nicht, wie Steuern funktionieren
  • nicht, wie man Fake News erkennt
  • nicht, wie Demokratie im Alltag gelebt wird
  • nicht, wie man mit Geld, Verträgen oder Verantwortung umgeht

Aber hey – man kann Gedichte interpretieren, die selbst 1950 schon niemanden interessiert haben.

NEOS: Vom Bildungsreformer zum Verwaltungsverwalter

Und dann muss man diese Frage stellen, auch wenn sie unangenehm ist:
Was ist eigentlich mit den NEOS passiert?

Unter Matthias Strolz war Bildung ein Herzensanliegen. Kinderrechte, echte Schulreform, neue Lernmodelle, radikales Neudenken – das war keine PR-Floskel, das war ein Kernanliegen.
Damals, als man noch Underdog war, hatte man Mut. Heute, wo man Verantwortung trägt, wirkt alles erstaunlich brav, angepasst und erstaunlich visionslos, so richtig ÖVPisch.

Statt das System Schule komplett neu zu denken, wird nun an einzelnen Stellschrauben gedreht. Hauptsache, es klingt nach Zukunft. Hauptsache, es gibt Schlagzeilen. Hauptsache, niemand fühlt sich zu sehr gestört – vor allem nicht jene, die seit Jahrzehnten Teil des Problems sind.

Schule 1950 called – sie will ihren Lehrplan zurück

Beim Lehrstoff sind wir in vielen Bereichen auf einem Stand, der irgendwo zwischen Nachkriegszeit und Overheadprojektor feststeckt.
Man lernt viel. Aber nichts Relevantes. Viel Larifari, viel Auswendiglernen, viel Beschäftigungstherapie.

Realitätsbezogener Unterricht? Fehlanzeige.
Alltagskompetenzen? Zufallssache.
Kritisches Denken? Oft unerwünscht, weil es den Unterricht „stört“. (Mein „Fachgebiet“)

Kein Wunder, dass Fake News so leichtes Spiel haben. Wer nie gelernt hat, Informationen einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen oder Quellen zu hinterfragen, ist leichte Beute – politisch wie gesellschaftlich.

Eine echte Reform wäre unbequem – genau deshalb braucht es sie

Wenn wir ehrlich wären, müssten wir Folgendes tun:

40-Stunden-Woche ab der Mittelschule

Ja, richtig gelesen. Schule ist Vorbereitung aufs Leben – und das Leben besteht nicht aus 25 Wochenstunden, zwei Monaten Sommerferien, Semester- und Weihnachtsferien sowie einer Sammlung schulautonomer Zufallstage.

Eine Vollzeitschule darf dabei aber nicht als reiner Dauerunterricht missverstanden werden. Es geht nicht darum, Kinder acht Stunden frontal zu beschallen. Eine echte 40-Stunden-Schule muss Raum für gemeinsames Lernen bieten: betreute Hausaufgaben, Lernzeiten, in denen Stoff wirklich verstanden wird, gemeinsame sportliche Aktivitäten, kreative Projekte und schlicht Zeit für soziales Zusammensein. Schule muss auch ein Lebensraum sein, kein Durchlaufposten. Gerade dieses Miteinander fehlt heute massiv – und genau hier würde eine echte Vollzeitschule nicht nur Wissen, sondern auch soziale Kompetenz, Struktur und Gemeinschaft vermitteln.

Fünf Wochen Ferien pro Jahr – planbar für alle

Fünf Wochen Ferien für Schüler:innen, fünf Wochen Urlaub für Eltern. Dies wäre planbar, überschaubar und sozial gerecht.
Familien könnten endlich gemeinsam Urlaub machen, ohne organisatorischen Wahnsinn und Betreuungsnotstand oder wochenlangen Diskussionen im Job mit den Kolleg:innen.

Lehrpläne komplett neu denken

Nicht anpassen und nicht modernisieren, sondern neu schreiben.
Mit Fokus auf:

  • Finanzbildung
  • Medienkompetenz
  • Demokratie & Gesellschaft
  • Digitalisierung (nicht nur Technik, sondern Verständnis)
  • Selbstorganisation & Verantwortung

Latein oder KI sind dabei keine Gegensätze – sie sind Nebenschauplätze.

Lehrkräfte: Qualität statt Gewohnheitsrecht

Eine echte Reform wäre auch hier brutal ehrlich: Nicht jede Lehrperson ist noch am richtigen Platz. Punkt.
Wir haben im Bildungssystem enormes Potenzial – aber es wird blockiert. Noch immer sitzen viel zu viele unqualifizierte oder längst ausgebrannte Lehrkräfte in Klassenzimmern, die dort vor allem eines tun: ihre Zeit absitzen. Festgeklammert an diktatorische Unterrichtsmethoden aus einer anderen Epoche, resistent gegen Veränderung und oft völlig überfordert mit der Lebensrealität heutiger Schüler:innen.
Diese Art von Unterricht demotiviert, schädigt und zerstört Neugier. Sie sorgt langfristig für genau das Gegenteil dessen, was Schule leisten sollte: Wissen vermitteln, Denken fördern und junge Menschen stärken. Stattdessen produziert man Frust, Gleichgültigkeit und inneren Rückzug.

Wir brauchen neue, junge, motivierte Lehrer:innen. Menschen, die Lust auf Veränderung haben, nicht Angst davor.
Ein neues System würde automatisch mehr Lehrkräfte brauchen – und genau das wäre eine Chance:

  • bessere Ausbildung
  • bessere Bezahlung
  • mehr Anerkennung

Der Bildungssektor könnte Jobs schaffen, statt Talente zu verbrennen.

Lehre endlich gleichwertig machen – und modernisieren

Und dann dieses ewige Herabschauen auf die Lehre.
Als wäre sie die zweite Wahl für „die, die es nicht geschafft haben“. Das ist nicht nur falsch, das ist dumm.

Eine moderne Lehre – etwa in Bereichen wie Social Media, Contentverarbeitung, digitale Kommunikation, Technik oder Pflegeberufe – mit fairer Bezahlung und echter Perspektive würde Druck aus Schulen und Unis nehmen.

Dafür reicht es aber nicht, die Lehre nur rhetorisch aufzuwerten. Ein Lehrabschluss muss endlich der Matura und einem Universitätsabschluss gleichgestellt werden – nicht nur gesellschaftlich, sondern ganz konkret finanziell. Gleiche Qualifikation muss auch gleiche Bezahlung bedeuten. Solange akademische Titel automatisch höher entlohnt werden als praxisnahe Kompetenz, bleibt jede Aufwertung der Lehre reine Symbolpolitik.

Nicht jede:r muss ewig studieren. Nicht jede:r will das. Und das ist völlig okay. Entscheidend ist, dass Leistung, Verantwortung und Können zählen – nicht der Bildungsweg auf dem Papier.

KI ersetzt kein kaputtes System

Was in der aktuellen Debatte deutlich wird: Christoph Wiederkehr will Akzente setzen.
Doch Akzente reichen nicht, wenn das gesamte Bild schief hängt. Einzelne Maßnahmen ersetzen keine echte Reform, solange das System Schule als Ganzes unangetastet bleibt.

Weniger Latein, mehr KI, ein neues Fach hier, ein gestrichenes dort – das ist keine Reform. Das ist die typische, billige politische Beruhigungstaktik. Österreich braucht keine geschminkte Schule, wir brauchen den Mut, das System Schule komplett neu zu denken.

Alles andere ist Zeitverschwendung. Und die bezahlen am Ende nicht die Minister:innen – sondern unsere Kinder.

Daniel

Daniel, ein 80er-Jahrgang mit 90er-Jahre-Vibes aus dem Burgenland, hatte schon als Kind mehr Ideen, als die Tapeten Platz boten. Technologie fand er cooler als jedes Tamagotchi. Sein Plan: Die Welt ein bisschen bunter machen und dabei nicht auf zu viele Regeln achten.

verfasst von: <a href="https://offen-gesprochen.at/author/og_admin" target="_self">Daniel</a>

verfasst von: Daniel

veröffentlicht am: 4. Februar 2026

Daniel, ein 80er-Jahrgang mit 90er-Jahre-Vibes aus dem Burgenland, hatte schon als Kind mehr Ideen, als die Tapeten Platz boten. Technologie fand er cooler als jedes Tamagotchi. Sein Plan: Die Welt ein bisschen bunter machen und dabei nicht auf zu viele Regeln achten.

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