Stille Stunde bei IKEA: Wenn Rücksicht zur Nebensache wird
Die Stille Stunde bei IKEA Vösendorf soll Menschen mit Reizüberflutung eine ruhigere Einkaufszeit bieten. In der Praxis scheitert sie – an Kund:innen, die einfach nicht leiser werden, und an IKEA selbst, das die Idee nicht konsequent umsetzt. Ein Weckruf zu Rücksichtnahme, Inklusion und den kleinen Dingen, die wir uns gegenseitig schuldig sind.

von | Aug. 22, 2026 | Echo

Ich war diesen Mittwoch bei IKEA Vösendorf – rein zufällig, mitten in der Stillen Stunde. Von 17 bis 19:30 Uhr verzichtet man dort auf Hintergrundmusik und unnötige Lautsprecherdurchsagen, alles ein bisschen leiser, ein bisschen ruhiger und gedämpfter. Gedacht ist das für Menschen, die mit vielen Reizen schlecht zurechtkommen – Menschen im Autismus-Spektrum, mit ADHS, aber auch für Familien, ältere Menschen oder einfach alle, die einmal in Ruhe einkaufen wollen. Ich liebe diese Idee und finde es großartig, dass es sowas überhaupt gibt.

Nur: Es funktioniert nicht. Und das liegt nicht an IKEA allein.

Es liegt an uns.

Ich hab mir das nämlich angeschaut, und was ich gesehen hab, war schlicht dreist. Leute, die sich lautstark unterhalten, als wäre nichts, so als würde die Stille Stunde ausschließlich für die anderen gelten. Handys, die auf voller Lautstärke läuten – und jeder, der schon mal neben einem Samsung-Gerät auf Maximallautstärke gestanden ist, weiß: Das ist keine Diskothek, das ist schlimmer. Kinder, die herumschreien, ohne dass irgendjemand auf die Idee kommt, kurz „psst“ zu sagen. Ein Baby, das über zehn Minuten am Stück brüllt, weil es offensichtlich hungrig war – und die Eltern haben es einfach schreien lassen, mitten durch den ganzen Markt, als würde sie das nichts angehen und erst dann reagiert haben, als es ihnen selbst zu laut wurde und sie das Baby dann gestillt haben.

Ich hab irgendwann selbst „Psst“ gemacht. Nicht, weil ich mich aufspielen wollte, sondern weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten hab, wie wenig Rücksicht da genommen wird. Und bevor mir jetzt wieder irgendein Obergescheiter erklärt, dass man in Österreich noch das Recht auf Reden hat – klar darf man reden, das Recht nimmt dir keiner, nur kann man schon mal Rücksicht nehmen und muss kein Arschloch sein. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem normalen Gespräch und einem, bei dem man gestikuliert und feilscht wie am Markt um das letzte Stück Fleisch im Angebot. Für eineinhalb Stunden, einmal die Woche, sollte das kein Kraftakt sein und für alle machbar.

Und ja, das gilt auch für Kinder. Mir ist es grundsätzlich völlig egal, ob wer mit Kindern einkaufen geht – das stört mich sonst nicht im Geringsten. Aber genau in dieser Zeit kann man seinem Kind ruhig einmal sagen: „Hey, ein bisschen leiser bitte, es gibt Menschen, denen das zu viel wird.“ Das ist Erziehung. Genau das bringt man Kindern bei. Es ist keine Erziehung, seine Kinder wie Arschlöcher zu erziehen. Und bei einem hungrigen Baby brauch ich keine zehn Minuten Geschrei mitten in der Möbelabteilung – dann gibt man halt gleich das Fläschchen oder die Brust, statt das ganze Einrichtungshaus mitleiden zu lassen.

Ich weiß, das klingt hart. Aber ehrlich gesagt: Wir sind in solchen Momenten einfach egoistische, rücksichtslose Arschlöcher geworden. Gegenüber Menschen, die es in unserer lauten, hektischen Welt ohnehin schon schwerer haben als wir. Wenn es einen Führerschein fürs Miteinander gäbe, müsste man ihn in solchen Momenten glatt entziehen. Eineinhalb Stunden. Einmal die Woche. Mehr wird nicht verlangt.

Aber – und das ist mir genauso wichtig – die Verantwortung liegt nicht nur bei den Kund:innen.

Liebe Leute von IKEA: Das ist ein Armutszeugnis.

Ich war bei einer der ersten Stillen Stunden dabei, und da hat es sogar richtig super funktioniert. Man hat gemerkt, wie sich sogar im Restaurant die Gespräche automatisch leiser angefühlt haben, sobald die Musik aus war. Menschen haben das Besteck vorsichtiger hingelegt. Es war ein echter, spürbarer Unterschied. Und jetzt, ein paar Monate später, ist davon so gut wie nichts mehr übrig – als hätte man das Projekt gestartet und dann achselzuckend sich selbst überlassen.

Woran liegt das? Zum einen an eurer Kommunikation. Ein kleiner Aufsteller am Eingang, nur auf Deutsch und Englisch – das war’s. Das übersieht man, da geht man einfach vorbei. Wir leben in einem Land, in dem längst nicht alle Menschen gut Deutsch oder Englisch können. Wenn euch Inklusion wirklich ernst ist, dann macht das sichtbar: größere Banner, mehr Sprachen, etwas, an dem man nicht vorbeigehen kann, ohne es zu sehen.

Zum anderen an eurem eigenen Personal. Mehrfach hab ich Mitarbeiter:innen erlebt, die untereinander in völlig normaler Lautstärke geplaudert haben – was menschlich verständlich ist, wenn gerade nichts zu tun ist, aber ausgerechnet in dieser Stunde einfach nicht sein darf, in der regulären Lautstärke. Auch Beratungsgespräche liefen teilweise auf einem Level, das eher an einen belebten Wirtshaus-Stammtisch erinnert als an eine Stille Stunde. Wenn ihr von euren Kund:innen Rücksicht einfordert, dann müsst ihr sie zuallererst selbst vorleben – alles andere ist unglaubwürdig. Und mehr noch: Euer Personal sollte aktiv geschult und angehalten werden, Kund:innen, die zu laut sind, freundlich, aber bestimmt daran zu erinnern, dass gerade Stille Stunde ist. Nicht wegschauen, sondern ansprechen – das wäre echte Verantwortung statt einer billigen Alibiaktion.

Ihr habt mit der Stillen Stunde etwas Gutes angefangen und es dann einfach schleifen lassen. Das ist mehr als schade – das ist ein Rückschritt für genau jene Menschen, für die dieses eine bisschen Ruhe wirklich einen Unterschied macht.

Am Ende bleibt für mich ein zwiespältiges Gefühl. Die Idee ist gut. Die Umsetzung – sowohl bei den Kund:innen als auch bei IKEA selbst – lässt zu wünschen übrig. Und solange sich das nicht ändert, bleibt die Stille Stunde das, was sie aktuell ist: eine gute Absicht, die im allgemeinen Lärm untergeht.

Daniel

Daniel, ein 80er-Jahrgang mit 90er-Jahre-Vibes aus dem Burgenland, hatte schon als Kind mehr Ideen, als die Tapeten Platz boten. Technologie fand er cooler als jedes Tamagotchi. Sein Plan: Die Welt ein bisschen bunter machen und dabei nicht auf zu viele Regeln achten.

verfasst von: <a href="https://offen-gesprochen.at/author/og_admin" target="_self">Daniel</a>

verfasst von: Daniel

veröffentlicht am: 22. August 2026

Daniel, ein 80er-Jahrgang mit 90er-Jahre-Vibes aus dem Burgenland, hatte schon als Kind mehr Ideen, als die Tapeten Platz boten. Technologie fand er cooler als jedes Tamagotchi. Sein Plan: Die Welt ein bisschen bunter machen und dabei nicht auf zu viele Regeln achten.

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