Was als architektonisches Superbaby geplant war, endet – zumindest aktuell – als ziemlich nüchterne Realität. Das Kaufhaus Lamarr, einst von René Benko und seiner Signa als luxuriöser Einkaufstempel im Herzen Wiens angekündigt, ist heute vor allem eines: weg. Komplett weg.
Der jetzige Eigentümer Georg Stumpf hatte nach der Signa-Pleite übernommen, die Stumpf-Gruppe wollte das Projekt neu denken, neu aufziehen, neu beleben. Der Plan klang zunächst halbwegs vernünftig: Abriss ja, aber nicht komplett. Die unteren ein bis zwei Ebenen sollten stehen bleiben, um dort den geplanten Retail-Space unterzubringen. Ein Kompromiss zwischen Neubeginn und Ressourcenschonung.
Stand 1. Februar 2026 ist davon nichts mehr übrig.

Nichts geblieben – außer Fassade und Fragen
Vom ehemaligen Kaufhaus Lamarr steht faktisch nichts mehr. Keine Ebenen, keine tragenden Teile, kein sichtbarer Bestand. Nur ein Teil der alten Fassade – die erhalten bleiben muss – ragt noch wie ein Mahnmal in die Luft. Dahinter: Schotter. Betonreste. Eine Bodenplatte. Ende.
Warum selbst jene Ebenen verschwunden sind, die laut ursprünglicher Planung erhalten bleiben sollten, ist offiziell nicht wirklich erklärt. Man darf davon ausgehen, dass die Stumpf-Gruppe ihre Gründe kennt. Transparent ist das Ganze dennoch nicht. Und es wirft Fragen auf – nicht nur architektonische, sondern auch politische und ökologische.
Ressourcenvernichtung mit Genehmigungsstempel
So ehrlich muss man sein: Dieser Abriss ist eine unnötige Vergeudung wertvoller Rohstoffe. Ja, es heißt, alles werde recycelt und anderswo wiederverwendet – im Straßenbau, bei Fundamententierungen, irgendwo halt. Trotzdem bleibt es Abriss statt Weiterdenken.
Dass dieser vollständige Rückbau überhaupt genehmigt wurde, ist schwer nachvollziehbar. Besonders dann, wenn man bedenkt, dass ein zentrales Argument gegen alternative Nutzungen angeblich die Raumhöhe war. Zu hoch für Wohnungen, hieß es.
Ganz ehrlich: Das ist kein Argument, das überzeugt.
Verpasste Chancen: Loft statt Leere
Hohe Räume sind kein Problem – sie sind ein Luxus. Man hätte hier großartige Loftwohnungen schaffen können. Mit bodentiefen Fensterfronten, New-York-Style, Licht, Luft und Raum. Innenliegende Lichtkegel, offene Grundrisse, durchdachte Begrünung – Lösungen gäbe es genug.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. In diesem Fall war offenbar der Abriss der bequemere Weg. Und vermutlich nicht einmal der günstigere, wenn man langfristig denkt. Weder finanziell noch ökologisch.
Das Hotel bleibt – die Dachterrasse muss kommen
Nicht alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Das Hotel im hinteren Bereich wird planmäßig weitergeführt, dort gab es keine Abrissarbeiten. Auch die Dachterrasse soll kommen – sie war von Anfang an Bedingung für das Gesamtprojekt.
Rund 950 Quadratmeter soll sie umfassen und laut MA 69 täglich öffentlich zugänglich sein:
- Oktober bis März: 8 bis 20 Uhr
- April bis September: 8 bis 21.30 Uhr
Die öffentliche Zugänglichkeit ist über einen Servitutsvertrag mit dem zuständigen Magistrat rechtlich abgesichert. Die spätere Benennung des Dachgartens soll gemeinsam mit der Bezirksvorstehung Neubau erfolgen.
Ein Servitutsvertrag ist eine rechtliche Verpflichtung, die direkt an eine Liegenschaft gebunden ist. Der Eigentümer bleibt zwar Besitzer der Fläche, muss aber bestimmte Nutzungen dauerhaft dulden oder Einschränkungen akzeptieren. Im Fall des Lamarr bedeutet das, dass die Dachterrasse unabhängig vom Eigentümerwechsel öffentlich zugänglich bleiben muss – diese Verpflichtung gilt dauerhaft und kann nicht einseitig aufgehoben werden.

Öffentlich zugänglich – aber wie lebenswert?
Offen bleibt dennoch vieles. Eine frei zugängliche Dachterrasse verursacht laufende Kosten: Begrünung, Pflege, Instandhaltung, Sicherheit. Wie großzügig diese Fläche tatsächlich gestaltet wird, wie attraktiv sie am Ende ist – dazu gibt es bisher keine konkreten Pläne seitens der Stumpf-Gruppe.
Hauptsache, der Zeitplan steht: Fertigstellung Ende 2027 oder Anfang 2028, wobei laut neuesten Berichten Mitte 2028 anvisiert wird. Hoffen wir, dass es dabei bleibt.
Ein Schandfleck mit Hoffnung auf Würde
Unterm Strich bleibt ein bitterer Beigeschmack. Das Lamarr steht sinnbildlich für vieles, was in Wien – und darüber hinaus – schiefläuft: Größenwahn, Ressourcenverschwendung, intransparente Entscheidungen. Dieses Projekt ist ein Erbe, das René Benko der Stadt hinterlassen hat – eines, das man nun mühsam reparieren muss.
Bleibt zu hoffen, dass aus diesem Scherbenhaufen – besser gesagt Schotterhaufen – doch noch ein würdiges, lebendiges und offenes Stück Stadt wird. Ein echtes Schmuckstück auf der Mariahilfer Straße, nicht nur ein architektonisches Feigenblatt.
Wien hätte es verdient.



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